Orchesterregeln

Unerlässliche Hinweise für ein gedeihliches musikalisches Miteinander!


primo


17 sachdienliche Hinweise, gefunden im weltweiten Internet, eigenhändig übersetzt und allen Musikant/inn/en ans Herz gelegt:

 

1. Wenn du überhaupt zur Probe erscheinst, dann komme auf keinen Fall eher, als zehn Minuten nach der verabredeten Uhrzeit. Es können dann mehr Leute deine Anwesenheit zur Kenntnis nehmen. Dies gilt in besonderem Maße für Generalproben und Aufführungen.

 

2. Stimme lange und gründlich – du kannst dann mit gutem Gewissen den ganzen Abend unsauber spielen.

 

3. Spielt nach Möglichkeit alle dasselbe Stück.

 

4. Steigere im Ensemble dein persönliches Profil durch eigene Tongebung, individuelles Tempo und ausdrucksstarke Soloeinsätze in Generalpausen.

 

5. Flüstern oder, besser noch, lautes Reden mit deiner Nachbarschaft bewirkt eine persönliche Zuwendung der Orchesterleitung.

 

6. Wenn du daneben gegriffen hast, schau einfach deinen Nachbarn böse an.

 

7. Wenn alle falsch spielen und du allein richtig, solltest du umgehend versuchen, auch falsch zu spielen.

 

8. Intensives Schauen in die Noten zeugt von großem Eifer. Wichtig ist dies besonders bei Takt- und Tempowechseln sowie bei allen Einsätzen.

 

9. Bist du hoffnungslos raus, unterbrich das Spiel mit der Bemerkung "Ich denke, wir sollten mal nachstimmen."

 

10. Blättere vorsichtig um, denn die vierte Seite eignet sich selten als Fortsetzung der ersten.

 

11. Die Ohren sind in der Regel bei Proben die am meisten strapazierten Organe. Schone sie also. Höre nicht zu intensiv auf all die anderen Stimmen.

 

12. Proben sind die einzige Gelegenheit zum Üben. Wer unter der Woche übt, fällt seinen Kolleg/inn/en in den Rücken.

 

13. Alle Anmerkungen wie p, f, Punkte und Striche über, unter, vor oder hinter den Noten sind prinzipiell ohne Bedeutung. Sie sind als Ausschmückungen nicht zur Entfaltung gekommener Notenstecher aufzufassen und dürfen grundsätzlich ignoriert werden.

 

14. Zitiere alte Spielanweisungen, wann immer nur möglich. Die gemeinsame Suche nach dem Urtext kann – je nach Zusammensetzung der Gruppe – Rallye-Charakter annehmen.

 

15. Eine Interpretation, deren Original niemand mehr erkennt, darf als besonders authentisch gelten.

 

16. Lass dich von der Figur, die vor dem Orchester gerade ihre Abendgymnastik absolviert, nicht in deiner musikalischen Verwirklichung stören. In einem demokratischen Orchester hat jedes Mitglied das Recht auf individuelle Entfaltung.

 

17. Wenn alle fertig sind, solltest du nicht unbedingt noch das Stückchen spielen, das du noch übrig hast.

 

secondo


Acht Orchesterregeln, allesamt aus dem eigenen freud- und leidvollen Orchesterproben-Alltag abgeleitet:

 

1. Wer ohne Notenpult zur Probe kommt, muss keine Angst haben, sich beim Auseinanderklappen dieses sperrigen Ungetüms die Finger einzuklemmen. Außerdem spart man sich das noch viel heiklere Zusammenfalten und läuft auch nicht Gefahr, sein geliebtes Pult schließlich im Probenraum liegenzulassen.

 

2. Lass deine Noten ruhig zuhause – nur so bekommt der Notenwart die beglückende Bestätigung, wie wichtig er ist.

 

3. Sich vor dem Losspielen durch einen Blick in die linke obere Ecke des Notenblattes über solche Lappalien wie Tonart, Takt oder Tempo zu informieren, verdirbt den Überraschungseffekt und den Spaß daran, sich während der ersten Takte in all dies hineinfummeln zu müssen.

 

4. Fotokopierte Noten in der richtigen Reihenfolge zusammenzukleben und dies womöglich so, dass sie sich gut blättern lassen, beraubt einen des Vergnügens, während des Konzertes – sollte das schnelle Notenwenden einmal nicht richtig klappen – einzelne Notenseiten im hohen Bogen über die Bühne segeln zu sehen.

 

5. Sich während der Probe die Ansagen der Dirigentin in den Noten zu notieren, legt den Verdacht nahe, dass man ein mieses Gedächtnis habe.

 

6. Wer zur Probe einen angespitzten Bleistift mitbringt, ist wahrscheinlich nur zu schüchtern, um sich an den Nachbarpulten einen auszuleihen.

 

7. Wer sogar einen eigenen Radiergummi mitbringt, macht sich des Strebertums verdächtig.

 

8. Sollten sich in den Noten keine Taktzahlen befinden, z.B. weil sie beim Fotokopieren "wegkopiert" worden sind, dann hüte man sich davor, sie selbständig nachzutragen. Denn was wäre eine Probe ohne den Spaß der permanenten und konsequenten Nachfrage: "Wo soll das sein?"?

terzo


Sieben weitere Orchesterregeln, abgeleitet aus einem konstruktiv-kritischen Orchesterproben-rückblick:

 

1. Wer nicht jede freie Minute zum intensiven Gedankenaustausch mit der näheren Umgebung nutzt, setzt sich dem Verdacht aus, phantasielos und langweilig zu sein.

 

2. Unterbrechungen der Probe eignen sich hervorragend dafür, eine fachliche Diskussion mit der Dirigentin zu beginnen, denn wie sonst sollte sie von deiner umfassenden Kompetenz Kenntnis bekommen?

 

3. Den wöchentlichen Probentermin betrachte ein jedes Orchestermitglied als freundliches Angebot, das wahrzunehmen oder nicht wahrzunehmen selbstverständlich allen völlig frei steht. Wie sonst sollte eine gewisse Spannung aufkommen, in welcher kuriosen Besetzung die nächste Probe wohl ablaufen wird? Und von der Spannung, wer fürs Konzert überhaupt schon einmal welches Stück mitgeprobt hat, ganz zu schweigen.

 

4. In die Noten eingetragene Striche mögen bitte nur als Diskussionsanregung aufgefasst werden – schließlich leben wir in einer Demokratie und die freie Meinungsäußerung soll auch in unserem Orchester zu ihrem Recht kommen!

 

5. Wer sich nach einer verpassten Probe nach neuen Ansagen und Eintragungen erkundigt, sollte sich nicht wundern, als Streber angesehen zu werden.

 

6. Wer zuhause übt, gerät leicht in den Verdacht, nicht ausreichend gut pfuschen zu können.

 

7. Fragen, Probleme und Unzufriedenheiten offen anzusprechen würde den Reiz untergraben, den Geheimniskrämerei und Gemunkel bekanntlich in sich tragen.

 


Wer sich das Ganze hinter den Spiegel klemmen oder unters Kopfkissen legen möchte, kann sich den Text – schön formatiert – hier herunterladen und ausdrucken:

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Seiten 8-9 aus Das_Liebhaberorchester_He
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