
Richard Strauss
* 11. Juni 1864 in München
† 8. September 1949 in Garmisch-Partenkirchen
Richard Strauss
1864–1949
Konzert für Oboe & kleines Orchester
D-Dur TRV 292 [1945]
Solist: Takahiro Watanabe
13. & 15. Februar 2026
Als Richard Strauss 1945 sein Oboenkonzert vollendete, stand die Welt in Trümmern – und Strauss selbst am Ende eines langen, oft widersprüchlichen Künstlerlebens. Umso verblüffender ist der Charakter dieses Werks: keine Abrechnung, kein Pathos, keine monumentale Geste, sondern Transparenz und Eleganz. Das Oboenkonzert ist ein Spätwerk, das bewusst zurückblickt – nicht nostalgisch, sondern klärend.
Die Entstehungsgeschichte liest sich fast anekdotisch:
Am Ende des Zweiten Weltkriegs besetzten US-amerikanische G.I.s das Gebiet um die bayerische Stadt Garmisch, wo Strauss unter ärmlichen Umständen lebte. Laut dem Buch Richard Strauss: An Intimate Portrait von Kurt Wilhelm (Thames & Hudson) fuhr eine Armeepatrouille vor seinem Haus vor, und Strauss ging – gegen den Widerstand seiner Familie – hinaus, um die Soldaten zu begrüßen. „Ich bin Richard Strauss, der Komponist des Rosenkavaliers und von Salome“, soll er gesagt haben. Er lud die Amerikaner zum Essen ein und erhielt daraufhin eine Ausnahme von der Beschlagnahmung seines Hauses („off limits“).
Einer der Soldaten war John de Lancie, ein Oboist des Pittsburgh Symphony Orchestra. De Lancie besuchte Strauss und verbrachte Stunden damit, sich mit ihm auf Französisch zu unterhalten. Einmal – draußen auf der Veranda, während ein Fotograf Bilder von ihnen machte – fragte er Strauss, ob dieser jemals daran gedacht habe, ein Stück für Oboe zu schreiben. Strauss antwortete mit „Nein“ und das Thema war damit zunächst erledigt. Doch Strauss griff den Gedanken wieder auf und komponierte schließlich das Konzert. Zur Uraufführung 1946 in Zürich war De Lancie eingeladen.

Zwischen den 1945 in deprimierter Stimmung komponierten Metamorphosen und dem bereits wesentlich optimistischer klingenden Oboenkonzert lag für Strauss das Ende des Zweiten Weltkriegs und der Kontakt mit den US-amerikanischen Soldaten. Das Konzert unterscheidet sich deutlich von den großen sinfonischen Klangwelten des Komponisten und sucht stattdessen eine kammermusikalische Balance. Die Orchesterbesetzung ist schlank, die Farbigkeit hell, der Solopart stets integriert, nie auftrumpfend.
Formal folgt das Konzert der klassischen Dreisätzigkeit (Allegro moderato – Andante – Vivace), doch Strauss verbindet die Sätze nahezu nahtlos. Das erzeugt einen kontinuierlichen musikalischen Fluss: Die Oboe singt, tänzelt, reflektiert; alle Virtuosität ist integriert, nicht demonstrativ, zeigt sich in der Kunst der Linie, der Phrasierung, den langen Bögen. Gleich zu Anfang ein unendlicher Gesang. Das bedeutet: eineinhalb Seiten in der Oboenstimme ohne Pause zum Luftholen. „Auch heutzutage, wenn man Zirkuläratmung kann, zählen diese ersten beiden Seiten zum Schwierigsten und Anstrengendsten, was es im normalen Repertoire für einen Oboisten gibt“, konstatiert Albrecht Mayer, Solo-Oboist der Berliner Philharmoniker.
Stilistisch überrascht das Werk durch seine Nähe zur Klassik: Mozart scheint ebenso präsent wie Haydn, gelegentlich blitzt sogar barocke Motorik auf. Gleichzeitig bleibt die Handschrift des späten Strauss unverkennbar – in den harmonischen Seitengängen, in den geschmeidigen Modulationen, im feinen Spiel zwischen Ironie und Ernst. Es ist Musik, die nichts beweisen muss. Das Oboenkonzert wirkt wie ein Gespräch über Generationen hinweg – zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Tradition und persönlicher Erfahrung.
Der Charakter von Strauss’ späten Werken kommt nicht von Altersmilde oder nostalgischem Eskapismus, sondern von einer bewussten ästhetischen Entscheidung zu Rückbindung an klassische Normen als Gegenmodell zur Krise der Moderne. Die klassische Dreisätzigkeit, der kontinuierliche Satzverlauf, der Verzicht auf dramatische Zuspitzung und die Integration des Solisten statt Heroisierung steht für Formdisziplin als Haltung. Für das Publikum eröffnet sich ein Werk von großer Leuchtkraft und innerer Ruhe. Wer genau hinhört, entdeckt darin nicht nur technische Raffinesse, sondern eine tiefe Humanität. In einer Zeit des Umbruchs schrieb Strauss Musik von erstaunlicher Gelassenheit – und schenkte der Oboe eines ihrer schönsten und anspruchsvollsten Konzerte. | A. B.
Quellen:
1. ‘How Strauss Came to Write His Oboe Concerto’, Daniel J. Wakin, 03.12.2009, New York Times
2. Strauss and the G.I.s, Alex Ross (Musikkritiker beim “New Yorker”), ‘The Rest is Noise’ (therestisnoise.com)
3. Youmans, Charles: Richard Strauss’s Orchestral Music and the German Intellectual Tradition. Bloomington: Indiana University Press.
4. Wikipedia: Richard Strauss, Konzert für Oboe und kleines Orchester D-Dur
Richard Strauss
(1864-1949)
Bläser-Serenade op. 7 (Holzbläser)
Andante
19. Dezember 2021
