Hector Berlioz


Émilie Signol, Hector Berlioz, 1832,

Louis Hector Berlioz

* 11. Dezember 1803 in La Côte-Saint-André, Département Isère

† 8. März 1869 in Paris

Émile Signol 1804–1892

Hector Berlioz. 1832

Rom, Académie de France, Villa Medici



Symphonie fantastique


Hector Berlioz

1803–1869

 

Épisode de la vie d’un artiste:

Symphonie fantastique

en cinq parties |

Episode aus dem Leben eines Künstlers:

Fantastische Symphonie

in fünf Teilen

op. 14, H 48 [1830, UA Paris 1830]

 

1

Rêveries – Passions |

Träumereien – Leidenschaften

Largo – Allegro agitato e appassionato assai – Religiosamente

2

Un bal. Valse | Ein Ball. Walzer

Allegro non troppo

3

Scène aux champs |

Szene auf dem Lande

Adagio

4

Marche au supplice |

Der Gang zum Richtplatz

Allegretto non troppo

5

Songe d’une nuit de sabbat | Hexensabbat

Larghetto – Allegro

 

16. und 17. Februar 2019

Konzert Nr. 36


 

 

 

 

 

 

 

Heinrich Heine

Über die Französische Bühne. 

Vertraute Briefe

an August Lewald.

Geschrieben im Mai 1837, auf einem Dorfe bei Paris.

Zehnter Brief

 

 Berlioz und Liszt. Die beiden letzteren sind wohl die merkwürdigsten Erscheinungen in der hiesigen musikalischen Welt; ich sage die merkwürdigsten, nicht die schönsten, nicht die erfreulichsten. Von Berlioz werden wir bald eine Oper erhalten. Das Sujet ist eine Episode aus dem Leben Benvenutos Cellini, der Guß des Perseus. Man erwartet Außerordentliches, da dieser Komponist schon Außerordentliches geleistet. Seine Geistesrichtung ist das Phantastische, nicht verbunden mit Gemüt, sondern mit Sentimentalität; er hat große Ähnlichkeit mit Callot, Gozzi und Hoffmann. Schon seine äußere Erscheinung deutet darauf hin. Es ist schade, daß er seine ungeheure, antediluvianische Frisur, diese aufsträubenden Haare, die über seine Stirne, wie ein Wald über eine schroffe Felswand, sich erhoben, abschneiden lassen; so sah ich ihn zum ersten Male vor sechs Jahren, und so wird er immer in meinem Gedächtnisse stehen. Es war im Conservatoire de musique, und man gab eine große Symphonie von ihm, ein bizarres Nachtstück, das nur zuweilen erhellt wird von einer sentimentalweißen Weiberrobe, die darin hin und her flattert, oder von einem schwefelgelben Blitz der Ironie. Das Beste darin ist ein Hexensabbat, wo der Teufel Messe liest und die katholische Kirchenmusik mit der schauerlichsten, blutigsten Possenhaftigkeit parodiert wird. Es ist eine Farce, wobei alle geheimen Schlangen, die wir im Herzen tragen, freudig emporzischen. Mein Logennachbar, ein redseliger junger Mann, zeigte mir den Komponisten, welcher sich, am äußersten Ende des Saales, in einem Winkel des Orchesters befand und die Pauke schlug. Denn die Pauke ist sein Instrument. »Sehen Sie in der Avant-scène«, sagte mein Nachbar, »jene dicke Engländerin? Das ist Miß Smithson; in diese Dame ist Herr Berlioz seit drei Jahren sterbens verliebt, und dieser Leidenschaft verdanken wir die wilde Symphonie, die Sie heute hören.« In der Tat, in der Avant-scène-Loge saß die berühmte Schauspielerin von Coventgarden; Berlioz sah immer unverwandt nach ihr hin, und jedesmal, wenn sein Blick dem ihrigen begegnete, schlug er los auf seine Pauke, wie wütend. Miß Smithson ist seitdem Madame Berlioz geworden, und ihr Gatte hat sich seitdem auch die Haare abschneiden lassen. Als ich diesen Winter im Conservatoire wieder seine Symphonie hörte, saß er wieder als Paukenschläger im Hintergründe des Orchesters, die dicke Engländerin saß wieder in der Avant-scène, ihre Blicke begegneten sich wieder ... aber er schlug nicht mehr so wütend auf die Pauke. […]

 

Zuerst veröffentlicht in der »Allgemeinen Theaterrevue« 1837, dann in »Salon« Band IV (1840).

Claude-Marie Dubufe

Portrait d'Harriet Smithson (1800-1854)

1830

Öl auf Leinwand

Photo (C) RMN-Grand Palais (musée Magnin) / René-Gabriel Ojéda

Dijon, musée Magnin

 



Le carnaval romain


Hector Berlioz

1803–1869

 

»Le carnaval romain«

[Römischer Karneval]

Ouvertüre über Themen

aus der Oper »Benvenuto Cellini«

op. 9 [1844]

 

Allegro assai con fuoco

– Andante sostenuto

– Allegro vivace

 

9. 2. 2008 ► Konzert Nr. 13


»Römische Karnevalsszene«

Kupferstich von Johannes Thomas

Grandville 

(d. i. Jean Ignace Isidore Gérard)

»Concert à mitraille« (= Kugelregen)

Karikatur 

auf die lärmende Instrumentation 

Hector Berlioz’ 1845

Holzschnitt 175 x 128 mm

Illustration in:

Louis Reybaud

»Jérome Paturot à la Recherche d’une Position sociale. Seconde partie«

Paris 1846

1830 gewann Berlioz mit dem »Prix de Rome« ein fünfjähriges Stipendium, das – sehr zu seinem Verdruss – an die Bedingung geknüpft war, sich mindestens zwei Jahre lang in Rom aufzuhalten.

 

In seinen Memoiren beschreibt er seine Verfassung:

„Nimmt man nun hierzu noch [...] den Ärger über meine zweijährige Verbannung aus der musikalischen Welt [als der musikalische Mittelpunkt der zivilisierten Welt galt ihm Paris, nicht Rom], ferner eine unerklärliche, aber tatsächliche Unfähigkeit, an der Akademie zu arbeiten, so wird man begreifen, wie stark der Lebensüberdruss sein musste, der mich verzehrte. Ich war bösartig wie ein Kettenhund. Die Bemühungen meiner Kameraden, mich an ihren Vergnügungen teilnehmen zu lassen, reizten mich nur noch mehr. Das Entzücken, das sie an den Freuden des Karnevals fanden, brachte mich besonders auf. Ich konnte nicht begreifen (und kann es auch jetzt noch nicht), welches Vergnügen man an den Belustigungen haben kann, die man in Rom wie in Paris die ,fetten Tage‘ nennt! [...] In der Tat sehr fett, das heißt voll Überfluss; voll Überfluss an Schmutz, an Schminke und Puder, an unflätigen Anzüglichkeiten, an groben Beleidigungen, an Freudenmädchen, an trunkenen Polizeispitzeln, an unanständigen Masken, an Trotteln, die bewundern, an Müßiggängern, die sich langweilen. In Rom, wo sich die guten Traditionen des Altertums erhalten haben, pflegte man noch vor kurzem den ,fetten Tagen‘ ein Menschenopfer zu bringen.“

 

Die Ouverture charactéristique »Le carnaval romain« komponierte er dann mit einigem Abstand, nämlich 1843 / 1844. In der Wiener Zeitung »Zuschauer« war am 3. Dezember 1845 zu lesen:

„Das dritte und letzte Konzert des Herrn Hektor Berlioz [am 29. November, im k. k. priv. Theater and der Wien] hat mit entschiedenem Beifall und Anerkennung seines eigenthumlichen, vielleicht uns noch fremdartigen, aber doch unbestritten großen Talentes Statt gefunden. […] Die Ouvertüre zum »Carnaval von Rom« erregte Enthusiasmus und mußte unter wahrem Beifallsturme, nachdem der Vorhang schon gefallen war, auf allgemeines Verlangen wiederholt werden.“

 

Berlioz war bald schon bekannt für die Riesenorchester, die er zur Aufführung seiner Werke verlangte. Fürst Metternich soll Berlioz einmal gefragt haben: „Sie sind es wohl, Herr Berlioz, der Musikstücke für fünfhundert Musiker komponiert?“ Worauf er antworte: „Nicht immer, Durchlaucht, mitunter auch für vierhundertfünfzig.“

 

Dass es auch anders ging, schreibt Berlioz in einem Brief an Girard:

„[...] Hechingen [...] Sehr rasch orientierte er [Taeglichsbeck, Komponist in Hechingen, bei dem Berlioz zu Gast war] mich über die musikalischen Kräfte, die uns zur Verfügung standen. Das waren im ganzen acht Violinen, darunter drei sehr schwache, drei Bratschen, zwei Violoncelli, zwei Kontrabässe. [...] Ich sehe Sie lachen, mein lieber Girard, und sehe die Frage auf Ihren Lippen, was ich mit einem so kleinen Orchester habe ausrichten können. Nun, mit Geduld und gutem Willen haben wir, nachdem gewisse Stellen eingerichtet und zugeschnitten worden waren, mit fünf Proben in drei Tagen die »Ouvertüre zu König Lear«, den »Pilgermarsch«, den Ball aus der »Phantastischen Symphonie« und verschiedene andere Fragmente einstudiert, die ihren Größenverhältnissen nach in den Rahmen passten, der ihnen bestimmt war. Und alles ist sehr gut gegangen, mit Präzision und sogar mit Schwung.“ 

 

In seinen Memoiren berichtet Berlioz:

„Als ich einige Jahre später die Ouvertüre Carnaval romain geschrieben hatte, deren Allegro als Thema denselben Saltarello hat, den [der Dirigent] Hebeneck nie ins richtige Tempo hatte bringen können, befand er sich an dem Abend der Erstaufführung dieser Ouvertüre im Saal Herz. Er hatte gehört, dass der Dienst der Nationalgarde einen Teil meiner Musiker in Anspruch genommen hatte und dass wir in der Probe am Vormittag ohne Blasinstrumente gespielt hatten. ,Gut‘, hatte er sich gesagt, ,heute Abend wird in seinem Konzert irgendeine Katastrophe stattfinden, das muss ich mir ansehen!‘ In der Tat, als ich in den Orchesterraum kam, umringten mich alle Künstler, die die Partien der Blasinstrumente zu spielen hatten, erschrocken bei dem Gedanken, eine Ouvertüre, die ihnen gänzlich unbekannt war, vor Publikum zu spielen.

,Haben Sie keine Angst‘, sagte ich zu ihnen, ,die Stimmen sind richtig [soll heißen: korrekt abgeschrieben, was seinerzeit durchaus nicht die Regel war], Sie sind talentvolle Leute, sehen Sie so oft wie möglich auf meinen Taktstock, und es wird gut gehen.‘

Es wurde kein einziger Fehler gemacht. Ich gab dem Allegro die wirbelnde Bewegung der Tänzer jenseits des Tibers; das Publikum rief: ,Da capo!‘ Wir begannen die Ouvertüre von neuem; sie wurde das zweite Mal noch besser wiedergegeben; und als ich in das Foyer zurückkehrte, wo sich Habeneck in einiger Enttäuschung befand, warf ich ihm im Vorbeigehen diese vier Worte zu: ,So macht man das!‘, auf die er sich hütete zu antworten.

Nie habe ich lebhafter als bei dieser Gelegenheit das Glück empfunden, die Aufführung meiner Werke selbst zu leiten; meine Freude verdoppelte sich bei dem Gedanken an die Qualen, die mich Habeneck [bei früheren Aufführungen Berliozscher Werke] hatte ausstehen lassen. – Arme Komponisten! Lernt euch selbst aufführen, und zwar gut aufführen (mit oder ohne Wortspiel), denn der gefährlichste eurer Dolmetscher ist der Dirigent, vergesst das nicht.“    

| Michael Knoch

 

Berlioz »Mémoires«. Leipzig o. J., Reclam, S. 151, 237, 278, 481 – www.hberlioz.com  – Grandville – Gesamtwerk in 2 Bd. n. Büchergilde Gutenberg. Abb. 1454