Felix Mendelssohn Bartholdy


HENSEL, Felix Mendelssohn Bartholdy

Jakob Ludwig Felix Mendelssohn Bartholdy

* 3. Februar 1809 in Hamburg

† 4. November 1847 in Leipzig

Wilhelm Hensel (1794–1861)

Felix Mendelssohn Bartholdy. 1847

Öl auf Leinwand,

Schenkung Prinz Georg von Preußen

Stadtmuseum Düsseldorf, Inv. Nr. B 138



Zweites Violinkonzert


Felix Mendelssohn

1809–1847

Zweites Konzert für Violine

und Orchester

e-Moll, op. 64, MWV O 14

[1838, UA Leipzig 1845]

 

1  Allegro molto appassionato attacca

2  Andante

attacca

3  Allegretto non troppo – Allegro molto vivace

 

Solist: Erez Ofer

Programm Nr. 36

16 . und 17. Februar 2019

Programmheftbeitrag folgt



Die erste Walpurgisnacht


Felix Mendelssohn Bartholdy

1809–1847

 

Die erste Walpurgisnacht

Kantate für Soli, Chor und Orchester

op. 60

Text von

Johann Wolfgang von Goethe

[Zweite Fassung UA Leipzig 1843]

 

Ouvertüre

I      Das schlechte Wetter 

       Allegro con fuoco

II    Der Übergang zum Frühling

       Allegro vivace non troppo

1     Allegro vivace non troppo

2     Allegretto non troppo

3     Andante maestoso

4     Allegro leggiero

5     Rezitativ – 

       Andante – Allegro moderato

6     Allegro molto

7     L’istesso tempo

8     Allegro non troppo

9     Andante maestoso

 

 

Kantate 29./30. 4. 2012 

 Programm Nr. 22

 

Ouvertüre 10. 6. 2012 

 Benefizkonzert

für ein Hirschfeld-Denkmal 


»Höre und staune! Die erste Walpurgisnacht von Goethe hab ich seit Wien halb componirt ... Nun hat sich das Ding so gestaltet, ist aber eine große Cantate mit ganzem Orchester geworden, und kann sich ganz lustig machen; denn im Anfang giebt es Frühlingslieder und dergl. vollauf; – dann, wenn die Wächter mit ihren Gabeln, und Zacken und Eulen Lärm machen, kommt der Hexenspuk dazu, und Du weißt, daß ich für den ein besonderes faible habe; dann kommen die opfernden Druiden in Cdur mit Posaunen heraus; dann wieder die Wächter, die sich fürchten, wo ich dann einen trippelnden, unheimlichen Chor bringen will; und endlich zum Schluß der volle Opfergesang.« 

 

So schrieb der 22-jährige Felix Mendelssohn am 1. März 1831 an seine Schwester Fanny, als er auf den Spuren Goethes durch Italien reiste. Schon als Zwölfjähriger war der junge Mendelssohn von seinem Lehrer Carl Friedrich Zelter dem damals 73-jährigen Dichterfürsten vorgestellt worden. Dieser zeigte sich überaus entzückt und schrieb an Lea Mendelssohn »Es ist ein himmlischer, kostbarer Knabe! Schicken Sie ihn mir recht bald wieder, dass ich mich an ihm erquicke!« Tatsächlich entwickelte sich zwischen den beiden eine vortreffliche Beziehung, die bis zu Goethes Tod von stetigen Treffen und Briefwechseln lebte. 

 

Inhaltlich gründet sich Goethes Ballade »Die erste Walpurgisnacht« (1799) – nicht zu verwechseln mit den Walpurgisnächten aus Faust I und II – auf die herrschende religiöse Intoleranz, die Angst vor dem Mysterium des Übernatürlichen, vor allem aber auf den christlichen Aberglauben und die Verdrängung der alten heidnischen Bräuche durch die dumpfen Pfaffenchristen. Geschildert wird eine Opferfeier zu Frühlingsbeginn für den heidnischen Allvater. Während der Vorbereitung warnt eine alte Frau vor den christlichen Widersachern; doch Ein Wächter hat eine Idee: Diese dumpfen Pfaffenchristen / lasst uns keck sie überlisten! / Mit dem Teufel, den sie fabeln, / wollen wir sie selbst erschrecken. Gesagt, getan – gelungen: die christlichen Wächter fliehen schreiend ob des wohl furchterregenden Anblicks des inszenierten Spukes. Den Schluss bildet ein feierlicher Hymnus der Druiden.

 

Goethe ging es dabei aber nicht nur um die Auseinandersetzung von Christen- und Heidentum, sondern er betont in einem Brief an Mendelssohn am 9. September 1831 vor allem den übergeordneten Symbolismus: 

»Denn es muß sich in der Weltgeschichte immerfort wiederholen, daß ein Altes, Gegründetes, Geprüftes, Beruhigendes durch auftauchende Neuerungen gedrängt, geschoben, verrückt und, wo nicht vertilgt, doch in den engsten Raum eingepfercht werde. Die Mittelzeit, wo der Haß noch gegenwirken kann und mag, ist hier prägnant genug dargestellt, und ein freudiger unzerstörbarer Enthusiasmus lodert noch einmal in Glanz und Klarheit hinauf. Diesem allen hast du gewiß Leben und Bedeutung verliehen und so möge es denn auch mir zu freudigem Genuß gedeihen.«

 

Ursprünglich hatte er für die Vertonung der Ballade C. F. Zelter vorgesehen. Dieser jedoch meinte, »die Luft nicht zu finden, die durch das ganze weht. […] Wer das vertonen will, muss erst die alte abgetragene Kantatenuniform ablegen!« Genau das tat dann der nun mit der Aufgabe betraute Mendelssohn. 

 

Die neun Vokalnummern gehen attacca ineinander über, und auch die vorneweg erklingende zweiteilige Ouvertüre ist durch eine Überleitung mit dem Vokalteil verbunden – ein bezeichnendes Charakteristikum Mendelssohns neuer Kantatenform. Die beiden Teile der Ouvertüre »Das schlechte Wetter« und »Der Übergang zum Frühling« führen durch eine bedrückte Düsternis, geprägt von rhythmisch prägnanter und schneller Motivik, und den dazu im Kontrast stehenden zarten Holzbläserfiguren in das strahlende »Es lacht der Mai«, das ein kurzes Durchatmen nach dem bedrohlichen Beginn zulässt. Den Mittelpunkt der Ballade stellt der große Chor der Wächter und Druiden dar – ein gewaltiger Höllenspuk, von dessen »wirbelnder Bewegung« und »scheinbarer Unordnung« sich Hector Berlioz überaus begeistert zeigte. Die Ballade sei »das Vollendetste, was Mendelssohn bis zu diesem Tag geschaffen hat. … Man weiß nicht, was man am meisten darin bewundern muß ... Ein wahres Meisterstück!«

 

Tatsächlich gelingt es Mendelssohn, all die verschiedenen Stimmungen des Gedichtes durch nuancierte Klangfarben, spannungsgeladene Rhythmik und Harmonik und differenzierte Instrumentierung so darzustellen, dass ein vorzügliches Schauderfest erklingt.

Höre und staune! | Annegret Eberl

 

John Michael Cooper, Mendelssohn, Goethe, and the Walpurgis Night: The Heathen Muse in European Culture, 1700–1850, Rochester, NY [u.a.] 2007



Johann Wolfgang von Goethe 1749–1832

Die erste Walpurgisnacht 

[Ballade 1799]

Textform der Kantate von Felix Mendelssohn Bartholdy


Ouvertüre

I  Das schlechte Wetter 

II  Der Übergang zum Frühling

 

1. Ein Druide [Tenor] und 

Chor der Druiden und des Volkes

 

Es lacht der Mai!

Der Wald ist frei

von Eis und Reifgehänge.

Der Schnee ist fort;

am grünen Ort

erschallen Lustgesänge.

Ein reiner Schnee

liegt auf der Höh’;

doch eilen wir nach oben,

begeh’n den alten heil’gen Brauch,

Allvater dort zu loben.

Die Flamme lodre durch den Rauch!

Begeht den alten heil’gen Brauch.

Hinauf! Hinauf!

Allvater dort zu loben.

So wird das Herz erhoben.

 

2. Eine alte Frau aus dem Volk [Alt] 

und Chor der Weiber aus dem Volk 

 

Könnt ihr so verwegen handeln?

Wollt ihr denn zum Tode wandeln?

Kennet ihr nicht die Gesetze

unsrer strengen Überwinder?

Rings gestellt sind ihre Netze

auf die Heiden, auf die Sünder.

Ach, sie schlachten auf dem Walle

unsre Väter, unsre Kinder.

Und wir alle

nahen uns gewissem Falle,

auf des Lagers hohem Walle

schlachten sie uns unsre Kinder.

Ach, die strengen Überwinder!

 

 

3. Der Priester [Bariton] 

und Chor der Druiden 

 

Wer Opfer heut’

zu bringen scheut,

verdient erst seine Bande!

Der Wald ist frei!

Das Holz herbei,

und schichtet es zum Brande!

Doch bleiben wir

im Buschrevier

am Tage noch im Stillen,

und Männer stellen wir zur Hut,

um eurer Sorge willen.

Dann aber lasst mit frischem Mut

uns unsre Pflicht erfüllen.

Hinauf! Hinauf!

Verteilt euch, wackre Männer, hier!

 

4. Chor der Wächter der Druiden 

 

Verteilt euch, wackre Männer, hier,

durch dieses ganze Waldrevier,

und wachet hier im Stillen,

wenn sie die Pflicht erfüllen.

 

5. Ein Wächter der Druiden [Bass] 

und Chor der Wächter der Druiden 

 

Diese dumpfen Pfaffenchristen,

lasst uns keck sie überlisten!

Mit dem Teufel, den sie fabeln,

wollen wir sie selbst erschrecken.

Kommt! 

Kommt mit Zacken und mit Gabeln,

und mit Glut und Klapperstöcken

lärmen wir bei nächt’ger Weile

durch die engen Felsenstrecken!

Kauz und Eule,

heul’ in unser Rundgeheule!

Kommt! Kommt! Kommt!

 

6. Chor der Wächter der Druiden 

und des Heidenvolkes 

 

Kommt mit Zacken und mit Gabeln

wie der Teufel, den sie fabeln,

und mit wilden Klapperstöcken

durch die engen Felsenstrecken!

Kauz und Eule,

heul’ in unser Rundgeheule.

Kommt! Kommt! Kommt!

7. Der Priester [Bariton] 

und Chor der Druiden und des Heidenvolkes

 

So weit gebracht,

dass wir bei Nacht

Allvater heimlich singen!

Doch ist es Tag,

sobald man mag

ein reines Herz dir bringen.

Du kannst zwar heut’

und manche Zeit

dem Feinde viel erlauben.

Die Flamme reinigt sich vom Rauch:

So reinig’ unsern Glauben!

Und raubt man uns den alten Brauch,

Dein Licht, wer will es rauben?

 

8. Ein christlicher Wächter [Tenor] 

und Chor der christlichen Wächter 

 

Hilf, ach hilf mir, Kriegsgeselle!

Ach, es kommt die ganze Hölle!

Sieh’, wie die verhexten Leiber

durch und durch von Flamme glühen!

Menschen-Wölf’ und Drachen-Weiber,

die im Flug vorüberziehen!

Welch entsetzliches Getöse!

Lasst uns, lasst uns alle fliehen!

Oben flammt und saust der Böse.

Aus dem Boden

dampfet rings ein Höllenbroden.

Lasst uns flieh’n!

 

9. Der Priester [Bariton] 

und Chor der Druiden 

und des Heidenvolkes 

 

Die Flamme reinigt sich vom Rauch;

so reinig’ unsern Glauben!

Und raubt man uns den alten Brauch,

dein Licht, wer kann es rauben?

 

Fine



Athalia


Felix Mendelssohn Bartholdy

1809–1847

 Ouvertüre aus der Bühnenmusik zu Racines Schauspiel

»Athalia«, op. 74

[1845]

 

 

4. 7. 2009 ► Programm Nr. 16


Friedrich Wilhelm IV., König von Preußen, setzte 1840, unmittelbar nach seiner Thronbesteigung, seine Bestrebungen um, antike und klassische Dramen in neuer Übersetzung durch namhafte Künstler und Gelehrte auf die Bühne zu bringen. Für die Bühnenmusiken trat man direkt an Mendelssohn heran. Die erste deutsche Aufführung von Racines Tragödie »Athalie« mit Mendelssohns Musik fand 1845 im Charlottenburger Schloss statt.

 

Athalia ist im alten Testament die von Jehova abgefallene Königin von Judäa, einstige Gattin König Jorams, Herrscherin über Jerusalem. Alle Nachkommen Jorams wurden auf ihr Geheiß getötet, kein möglicher Thronfolger aus dem Geschlechte Davids und Jorams scheint das Massaker überlebt zu haben. Einzig Joas, ihr Enkel, ist am Leben geblieben und wird heimlich vom Hohepriester und seiner Frau im Tempel verborgen und unter falschem Namen aufgezogen. 

Athalia, die davon träumt, dass sie ein kleiner Tempeldiener umbringen wird, dringt daraufhin in den Tempel ein und begegnet dort dem Knaben aus ihrem Traum. Die Begegnung verursacht Unruhe in ihr, sie verlangt dessen Auslieferung. Der Hohepriester kommt ihr zuvor: er krönt den Jungen vorzeitig zum rechtmäßigen König nach jüdischem Gesetz. Hinter Athalia, die vom Hohepriester mit dem Versprechen eines großen Schatzes in die Falle gelockt wird, verschließen sich die Tempeltüren. Ihr Enkel Joas, der neue König Israels, erscheint triumphierend mit den Insignien seines Amtes; Athalia schreitet hasserfüllt, aber stolz zur Hinrichtung. | T. M.

 

Quellen:

– Die Musik in Geschichte und Gegenwart (MGG), Bd. 9, 76

– Inhaltsangabe aus: Matei Chihaia, Institution und Transgression. 

Inszenierte Opfer in Tragödien Corneilles und Racines, Tübingen 2002, S. 265f



Heimkehr aus der Fremde


 Felix Mendelssohn Bartholdy

1809–1847

 Ouvertüre zum Liederspiel von Karl Klingemann

»Heimkehr aus der Fremde«

op. 89

[1829]

 

– Andante

– Allegro di molto

– Andante

 

 

8. 6. 2008 ► Konzert Nr. 14


Mendelssohn Bartholdy bezeichnete sein Singspiel in einem Akt, »Die Heimkehr aus der Fremde«, op. 89, als „Liederspiel“. Es handelt sich um ein Gelegenheitswerk, das der 20-jährige Mendelssohn zur silbernen Hochzeit seiner Eltern komponiert hatte. Die Uraufführung fand am 22. Dezember 1829 im Gartensaal des elterlichen Hauses in Berlin statt. Die Sängerinnen und Sänger waren Mitglieder der Familie. Problematisch war der Gesangspart, den der Komponist für die Rolle des Bürgermeisters vorgesehen hatte; denn dieser sollte von seinem äußerst unmusikalischen Schwager verkörpert werden. Also bekam er immer denselben Ton zu singen – aber auch den soll er nicht immer getroffen haben.

 

Das Stück spielt in einem deutschen Dorf im 18. Jahrhundert.

 

Die Personen der Handlung:

 

Schulz, Bürgermeister und Vormund von Lisbeth (Bass)  

Seine Ehefrau (Alt)  

Hermann, beider Sohn (Tenor) 

Lisbeth, Pflegetochter und Mündel der Bürgermeisterseheleute (Sopran)

Kauz, ein zwielichtiger Herumtreiber (Sprechrolle) 

Leute aus dem Dorf (Chor)

 

Als wieder einmal Fremde im Dorf gesichtet werden, die junge Männer für die Armee anzuwerben versuchen, versetzt es der Frau des Bürgermeisters einen Stich ins Herz. Sie erinnert sich nur zu gut daran, wie sich ihr eigener Sohn Hermann vor sechs Jahren dazu entschlossen hatte, einem solchen Ruf zu folgen. Seither hat sie nie wieder etwas von ihm gehört. Ihre Pflegetochter Lisbeth gibt sich redlich Mühe, sie etwas aufzuheitern, zumal das 50-jährige Dienstjubiläum ihres Ehegatten kurz bevorsteht. Aber auch Lisbeth lässt sich von der Traurigkeit ihrer Pflegemutter anstecken, hatte sie sich doch damals in Hermann verliebt und sehnt seither seine Heimkehr herbei.

 

Kauz, ein zwielichtiger Tagedieb, erfährt davon, dass der Geliebte Lisbeths schon seit vielen Jahren in der Fremde diene. Er wittert die Gelegenheit, diesen Umstand für sich auszunutzen, indem er sich bei der morgigen Feier selbst als Hermann ausgeben möchte. Doch wenn der Plan gelingen soll, dann muss er erst einmal dafür sorgen, dass  der fremde Musikant, der sich vor Lisbeths Fenster herumtreibt, verschwindet. Sofort sucht er den Bürgermeister auf und warnt ihn vor einem Individuum, das es auf sein Mündel abgesehen habe.

 

Die Nacht bricht herein. Der Musikant, nämlich Hermann, der tatsächlich aus der Fremde zurückgekehrt ist, schickt sich an, seiner Lisbeth eine Serenade vorzutragen. Da erscheint plötzlich Kauz, gibt sich als Nachtwächter aus und will ihn aus dem Dorfe weisen. Hermann aber lässt sich nicht so schnell ins Bockshorn jagen. Er eilt zum richtigen Nachtwächter, leiht sich von ihm Laterne, Horn und Spieß und verjagt nun Kauz.

 

Am folgenden Morgen strömen die Dorfbewohner zum Haus des Bürgermeisters. Auch Kauz ist dabei und behauptet, der heimkehrende Sohn zu sein. Alle sind erstaunt, dass Hermann sich in sechs Jahren so stark verändert haben soll. Glücklicherweise kommt bald der wahre Hermann hinzu und entlarvt den Landstreicher als Hochstapler. Der Bürgermeister und seine Gattin schwelgen in der Freude darüber, ihren Sohn wieder bei sich zu haben. Bald wird dem Jubiläumsfest wohl eine Verlobungsfeier folgen. | M. Z. nach Wikipedia



Die Hebriden


Felix Mendelssohn Bartholdy

1809–1847

 Ouvertüre »Die Hebriden«

oder »Die Fingalshöhle«

opus 26 MWV P7

[1829; 1831; 1833]

 

 

17. 2. 2007 ► Konzert Nr. 11 

 

Wiederaufnahme

30. 3. 2014  Konzert Nr. 26


Felix Mendelssohn Bartholdy hat die Hebriden-Ouvertüre 1830 in Rom fertiggestellt. Er behauptete, dass er die ersten zehn Takte komponiert habe, als er am 7. August 1829 in der Fingalshöhle stand. Forschungen haben ergeben, dass das Thema bereits vor seinem Besuch dort entstanden sein muss.

Bei der Erstaufführung des Werkes am 14. Mai 1832 in London trug es den Titel »Die Inseln des Fingal«. Der heutige Titel wurde später hinzugefügt. Wenige Wochen nach der Londoner Aufführung revidierte Mendelssohn das Werk und nahm beträchtliche Änderungen im Durchführungsteil vor; diese Berliner Fassung trug den Titel »Die einsame Insel«.

 

Mendelssohns Ouvertüre gehört zu den großen Programmmusiken, die das Meer schildern: Erinnert sei an Musik aus »Der Fliegende Holländer« von Richard Wagner, an »La Mer« von Claude Debussy oder die vier Meereszwischenspiele aus der Oper »Peter Grimes« von Benjamin Britten. | M. Z.

 


© M. Z.
© M. Z.

Fingals Höhle

(85 m lang, maximale Höhe 23 m),

eine von fünf Höhlen auf der Insel Staffa

(1200 m lang, 400 m breit, Umfang 2,4 km, höchster Punkt 46 m).

 

Innere Hebriden,

Westküste von Schottland,

nahe den Inseln Mull und Iona.

 

Die Insel besteht aus Basaltlava, die im Tertiär vor ca. 60 Millionen Jahren im Zusammenhang mit einem Ausbruch auf der Insel Mull hervorgetreten ist.

Die Höhlen sind durch die erodierende Kraft des Wassers entstanden.

 

Die erste Erwähnung der Insel stammt von Joseph Banks aus dem Jahre 1772:

„Bei Staffa handelt es sich um eines der größten Naturwunder der Erde [...]

Der Giant’s Causeway in Irland oder Stonehenge sind nichts im Vergleich mit dieser Insel.“

 


 

Theodor Fontane 1860

Jenseit des Tweed.*

 

[Ein Reisebericht aus Schottland; 

*in Fontanes Schreibweise]

Staffa 

 

[...] Als wir uns näherten, erkannten wir deutlich die drei Schichten, aus denen es sich aufbaut. Tuffstein, der die Fläche des Ozeans wenig überragt, bildet das Fundament; auf demselben erheben sich die sechzig Fuß hohen Basaltsäulen, die dann wiederum eine formlose Felsmasse als kompaktes Dach und auf demselben eine dünne Erdschicht tragen. Die schlanken Basaltsäulen würden an jeder anderen Stelle, auch wenn die Insel sonst nichts böte, ausreichend sein, sie zu einer Sehenswürdigkeit zu machen. Die Westinseln Schottlands aber weisen überall fast so großartige Basaltformationen auf, daß das Auge des Reisenden schnell die höchsten Ansprüche zu machen beginnt und entweder gewaltige Proportionen oder ein besonderes Maß an Schönheit verlangt. Diese Schönheit besitzt Staffa, aber nicht nach außen hin; es verbirgt sie in seinem Innern. ... Ich schreite nun zur Beschreibung der Höhle selbst, die nach diesem Versuch einer populären Geognosie mir leichter werden wird. Ich habe nicht unabsichtlich den Eingang ein Portal genannt. Er ist in der Tat ein solches, ein Spitzbogentor, und dahinter das wunderbare Schiff einer gotischen Kirche. Wer London und die Westminsterabtei kennt, den wird der gotisch-phantastische Bau, den die Natur hier gebildet hat, immer wieder an die Kapelle Heinrichs VII. erinnern. Der Basalt lieferte die Säulen, die freilich in ihrer Ineinandergefugtheit mehr den Eindruck einer Wandfläche als eines Pfeiler- oder Säulenganges machen würden, wenn nicht die Wellen, mit einer bewundernswerten Regelmäßigkeit, Nische neben Nische in der Basaltwand ausgehöhlt hätten. Dadurch ist, wenigstens scheinbar, eine Pfeilerreihe entstanden, indem alle konkaven Vertiefungen wie in einem dunklen Hintergrunde liegen, während die lichtbeschienenen Ecken, wie selbständig und losgelöst, sich pfeilerartig in den Vordergrund stellen. Auf diesen Pseudopfeilern ruht nun die Decke. Diese Decke, gotisch gewölbt in ihrer Grundanlage, ist es vor allem, was sofort mit einer nicht abzuweisenden Gewalt das Bild der berühmten Tudorkapelle vor das Auge des Beschauers ruft. Das Charakteristische dieses schönen Tudorbaues (schön trotz seiner Überladung) besteht in jenen reichen, trombenförmigen Ornamenten, die, wie elegant gewundene Riesentrichter, zehn Fuß hoch und mehr, von der Decke in das Schiff herniederhängen. Diese originellen Bildungen wiederholen sich hier in der Fingalshöhle; die Laune eines Künstlers und die Laune der Natur sind denselben Weg gegangen. Die im letzten und tiefsten allerdings ein Gesetz und eine Regelmäßigkeit bekundende Unregelmäßigkeit, mit der der hereinschäumende Ozean die Basaltsäulen höher oder tiefer abgebrochen hat, hat diese Trombenbildung erzeugt. Vielleicht ließe sich die schraubenartige Bewegung daran studieren, mit der die Wellen ihre Skulpturarbeit hier ausgeführt haben müssen. [...]


Erste Sinfonie


Felix Mendelssohn Bartholdy

1809–1847

 Erste Sinfonie »1824«

c-Moll opus 11

 

 

29. und 30. Mai 2004 

► »Klassik im Salon 6«


Carl Begas (1794–1854)

Felix Mendelssohn Bartholdy

im Alter von zwölf Jahren. 1821

Ölskizze (Ausschnitt)

Standort nicht ermittelt

Jakob Ludwig Felix Mendelssohn Bartholdy, dessen „Vollendung in so jungen Jahren“ schon Robert Schumann rühmte, war bereits als Knabe den Schönen Künsten zugetan und wurde durch das wohlhabende Elternhaus gefördert. Einer seiner Lehrer war Karl Friedrich Zelter, Komponist und Leiter der Berliner Singakademie, der ihn auch mit Goethe bekannt machte. Schon mit elf Jahren begann Felix Streichersymphonien zu komponieren, die im elterlichen Hause aufgeführt wurden. Mit fünfzehn Jahren (1824) schrieb er seine Erste Symphonie in c-Moll, opus 11 für volles Orchester, die 1827 im Leipziger Gewandhaus uraufgeführt wurde und eine sehr positive Rezension in der »Allgemeinen Musikalischen Zeitung« erfuhr. Zwei Jahre später dirigierte Mendelssohn sein Werk selbst in einem Konzert der Londoner Philharmonic Society mit „nie erträumtem“ Erfolg, überschüttet mit „Lob und Complimenten“. Die Society, der er die Partitur schenkte, ernannte Mendelssohn zum Ehrenmitglied.

 

Wenngleich H. Kretzschmar in seinem »Führer durch den Konzertsaal« Mendelssohns „so gut wie nicht“ gespieltes Jugendwerk der „Unselbständigkeit“ zeiht, da es „in den Gedanken namentlich der Führung Beethovens“ folge (vgl. das G-Dur Konzert, die Coriolan-Ouverture, die Waldsteinsonate) und auch gewisse verwandtschaftliche Motivbildungen aus Mozarts g-Moll-Symphonie KVV 550 in unserem Ohr widerklingen (zum Beispiel die Synkopen im Menuett), so bescheinigt er ihm doch eine „sehr erfreuliche Kraft, Frische und Knappheit“.  | T. R. G.



 

Es waren nicht erst die Nationalsozialisten, die den künstlerischen Ruf Felix Mendelssohns zu beschädigen begannen. Schon zu seinen Lebzeiten stritt man über seine Musik, jedoch standen rassistische Gründe nicht unbedingt im Vordergrund. Seinen Kritikern war er zu wenig Avantgardist, zu sehr Traditionalist, der sich mit den Kompositionen eines Berlioz oder Chopin nicht anfreunden konnte. Richard Wagner gehörte zu denen, die Wesentliches zum rassistisch motivierten Rufmord an Mendelssohn beigetragen haben: Schon drei Jahre nach dessen Tod veröffentlichte er unter dem Pseudonym Karl Freigedank das Pamphlet »Das Judenthum in der Musik«, in dem er Juden verächtlich macht und als kulturstiftende Mitglieder der deutschen Gesellschaft ablehnt, weil sie einem fremden Kulturkreis entstammten. Mit Felix Mendelssohn, den er namentlich als Beispiel aufführt, verfährt er herablassend noch vergleichsweise nachsichtig:

 

Karl Freigedank alias Richard Wagner

Das Judenthum in der Musik. 1850. (Auszug)

 

    An welcher Erscheinung wird uns dies Alles klarer, ja an welcher konnten wir es einzig fast inne werden, als an den Werken eines Musikers jüdischer Abkunft, der von der Natur mit einer spezifisch musikalischen Begabung ausgestattet war, wie wenige Musiker überhaupt vor ihm? Alles, was sich bei der Erforschung unsrer Antipathie gegen jüdisches Wesen der Betrachtung darbot, aller Widerspruch dieses Wesens in sich selbst und uns gegenüber, alle Unfähigkeit desselben, außerhalb unsres Bodens stehend, dennoch auf diesem Boden mit uns verkehren, ja sogar die ihm entsprossenen Erscheinungen weiterentwickeln zu wollen, steigern sich zu einem völlig tragischen Konflikt in der Natur, dem Leben und Kunstwirken des frühe verschiedenen Felix Mendelssohn Bartholdy. Dieser hat uns gezeigt, daß ein Jude von reichster spezifischer Talentfülle sein, die feinste und mannigfaltigste Bildung, das gesteigertste, zartestempfindende Ehrgefühl besitzen kann, ohne durch die Hilfe aller dieser Vorzüge es je ermöglichen zu können, auch nur ein einziges Mal die tiefe, Herz und Seele ergreifende Wirkung auf uns hervorzubringen, welche wir von der Kunst erwarten […].

    

    Rang der Letzte in der Kette unsrer wahrhaften Musikheroen, Beethoven, mit höchstem Verlangen und wunderwirkendem Vermögen nach klarstem, sicherstem Ausdrucke eines unsäglichen Inhaltes durch scharfgeschnittene plastische Gestaltung seiner Tonbilder, so verwischt dagegen Mendelssohn in seinen Produktionen diese gewonnenen Gestalten zum zerfließenden, phantastischen Schattenbilde, bei dessen unbestimmtem Farbenschimmer unsre launenhafte Einbildungskraft willkürlich angeregt, unser reinmenschliches inneres Sehnen nach deutlichem künstlerischen Schauen aber kaum nur mit der Hoffnung auf Erfüllung berührt wird. Nur da, wo das drückende Gefühl von dieser Unfähigkeit sich der Stimmung des Komponisten zu bemächtigen scheint, und ihn zu dem Ausdrucke weicher und schwermütiger Resignation hindrängt, vermag sich uns Mendelssohn charakteristisch darzustellen, charakteristisch in dem subjektiven Sinne seiner zartsinnigen Individualität, die sich der Unmöglichkeit gegenüber ihre Ohnmacht eingesteht. Dies ist, wie wir sagten, der tragische Zug in Mendelssohns Erscheinung; und wenn wir auf dem Gebiete der Kunst an die reine Persönlichkeit unsre Teilnahme verschenken wollten, so dürften wir sie Mendelssohn in starkem Maße nicht versagen, selbst wenn die Kraft dieser Teilnahme durch die Beachtung geschwächt würde, daß das Tragische seiner Situation Mendelssohn mehr anhing, als es ihm zum wirklichen, schmerzlichen und läuternden Bewußtsein kam. 

    

    Eine ähnliche Teilnahme vermag aber kein anderer jüdischer Komponist uns zu erwecken. 

 

Kaum hundert Jahre nach Erscheinen dieses Textes wurde Leben und Werk Felix Mendelssohns von nationalsozialistischen Musikwissenschaftlern ignoriert und totgeschwiegen. Das 1892 in Leipzig errichtete Denkmal für Mendelssohn wurde im Zuge seiner allgemeinen Ächtung am 10. November 1936 zerstört. Seine Musik erschien in den Konzertprogrammen nicht mehr, sogar das private Musizieren von Mendelssohns Musik wurde unter Strafe gestellt. | M. Z.